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Inhalt


In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs findet der junge Gefreite Willi Herold auf der Flucht eine Hauptmannsuniform. Ohne zu überlegen streift er die ranghohe Verkleidung und die damit verbundene Rolle über. Schnell sammeln sich versprengte Soldaten um ihn – froh, wieder einen Befehlsgeber gefunden zu haben. Aus Angst enttarnt zu werden, steigert sich Herold nach und nach in die Rolle des skrupellosen Hauptmanns und verfällt dem Rausch der Macht.

Der auf wahren Ereignissen beruhende Film – der 19-jährige Wehrmachtssoldat Willi Herold ging als „Der Henker vom Emsland“ in die Geschichte ein – zeigt auf erschütternde Weise, wie selbst im Chaos der letzten Kriegstage etablierte Befehlsketten und Machtmechanismen funktionieren, und stellt den Zuschauer vor die Frage: Wie würde ich handeln?

Regisseur Robert Schwentke


Kommentar
Interview

Ich wollte einen Film aus der Perspektive der Täter aus den hinteren Reihen machen. Wir hoffen und stellen uns alle vor, dass wir moralisch aufrecht und mutig genug gewesen wären, um uns dem System entgegenzustellen. Doch die Geschichte und Fakten widersprechen dem. Als ich das erste Mal auf die Geschichte von Willi Herold stieß, habe ich überlegt, wie würde mein Film über die deutsche nationalsozialistische Vergangenheit aussehen.

Ich entschied, jeder muss für sich beurteilen, wer Willi Herold war und warum er tat, was er tat. Immer wenn ich versuchte, dem einen Namen zu geben, fühlte es sich wie eine Reduzierung an. Es sollte keinen expliziten moralischen Kompass geben, sodass das Publikum einen eigenen Standpunkt finden und sich fragen muss: „Wie hätte ich mich verhalten?“

Unser Ziel war es, die Strukturen sichtbar zu machen, die Herolds Taten möglich machten und so durch das Spezifische einen universellen Blick auf menschliches Handeln in Kriegszeiten zu werfen – heute wie gestern. Die Aktualität ist nicht von der Hand zu weisen.

DER HAUPTMANN spielt während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und basiert auf der wahren Figur Willi Herold. Wann kam Ihnen die Idee, seine Geschichte zu verfilmen?

Der Nationalsozialismus war ein dynamisches System. Es bedurfte einer sehr großen Zahl an Menschen, die entweder mitgemacht haben oder dem Bösen aus dem Weg gegangen sind, damit diese Kulturkatastrophe passieren konnte. Mich interessierten die Täter aus den hinteren Reihen. Sie waren nicht die Architekten des Systems, dem sie dienten, sondern die Menschen von nebenan, die „kleinen Leute“, die das Nazi-System am Leben hielten. Ich wusste, ich wollte einen Film aus der Perspektive dieser Täter machen und so begann ich, nach einer passenden Geschichte zu suchen.



Also war da zunächst die Idee, einen Film über das Phänomen einer Generation zu machen, und erst später stießen Sie auf die Geschichte von Willi Herold?

Ja.



Was hat Sie an der Täterperspektive fasziniert, die auch das Risiko birgt, den Verbrecher zum Helden zu machen und die Geschichte aus Sicht einer Person zu erzählen, mit der man sich schwer identifizieren kann?

Es konfrontiert das Publikum mit anderen Fragen als ein Film, bei dem es sich mit einer moralisch aufrechten Figur identifizieren kann. Wir hoffen und stellen uns alle vor, dass wir moralisch aufrecht und mutig genug gewesen wären, um uns dem System entgegenzustellen. Doch die Geschichte und Fakten widersprechen dem. Ich wollte, dass es keinen expliziten moralischen Kompass gibt, sodass das Publikum einen eigenen Standpunkt finden und sich fragen muss: „Wie hätte ich mich verhalten?“



DER HAUPTMANN ist Ihr erster historischer Film. Wie umfassend war Ihre Recherche bezüglich Set-Design, Szenografie, Kostüm etc.?

Als ich das erste Mal auf die Geschichte von Willi Herold stieß, habe ich überlegt, wie ich diese verfilmen könnte und was für eine Art von Film ich machen wollte. Wie würde mein Film über Gewalt und die deutsche nationalsozialistische Vergangenheit aussehen? Mir wurde schnell klar, dass ich so einiges recherchieren musste und so habe ich dann Bücher über Geschichte und Psychologie gelesen, Tagebücher aus der Zeit und Romane.

Ich las die letzte erhaltene Akte über den Fall im Staatsarchiv Oldenburg und besuchte die Gedenkstätte Esterwegen, wo ein früherer Gefangener ein Modell des Emslandlagers aus dem Gedächtnis nachgebaut hatte. Die Proportionen waren absichtlich ungenau: Türme waren zu hoch, Zäune zu dick, das Tor unmöglich massiv – eine subjektive, nicht faktisch korrekte Sicht auf die Vergangenheit. Das hat mich tiefer und nachhaltiger bewegt, als es ein exaktes Modell hätte tun können. Wenngleich DER HAUPTMANN nicht durch die Perspektive der Opfer erzählt wird, wurde diese Art von erfahrungsgemäßer Sicht auf das Vergangene zu einem Leitsatz für mich und inspirierte mich dazu, den Film mit einem gewissen Grad an Abstraktion umzusetzen.



Wie hat diese Einsicht Ihre Sichtweise auf Willi Herolds Figur verändert?

Ich kam zu dem Schluss, dass es nicht darum geht, den Versuch zu unternehmen, den Charakter von Willi Herold zu analysieren oder Terminologien der klinischen Psychologie anzuwenden. Immer wenn ich versuchte, dem einen Namen zu geben, fühlte es sich wie eine Reduzierung an. Ich entschied, jeder muss für sich beurteilen, wer Willi Herold war und warum er tat, was er tat. Im Zentrum der Figur findet sich ein beabsichtigter blinder Fleck, der das Publikum dazu auffordert, seine eigenen Antworten zu finden.



Würden Sie DER HAUPTMANN einen authentischen historischen Film nennen?

Ich bin kein Fan der „Fetischisierung von Authentizität“, was eine wundervolle Formulierung ist, die die Filmkritikerin Cristina Nord gebrauchte, als sie darüber sprach, wie deutsche Filme über die Nazi-Vergangenheit im Grunde zum Äquivalent von britischen Heritage Movies geworden sind. Geschichte ist immer ein Blick zurück aus einer spezifischen Gegenwart mit ihren jeweiligen Vorurteilen und Absichten. Ich wollte nie vorgeben, dass dies nicht der Fall wäre. Natürlich sind die Uniformen korrekt, da sich DER HAUPTMANN um Uniformen dreht. Aber wir nahmen uns in anderer Hinsicht viele Freiheiten. Ich wollte sichergehen, dass eine Schicht an Abstraktion über allem liegt: Set, Schauspiel, Tonalität.



Kommen wir zu den Darstellern: Diesen Film zu drehen, muss für sie eine Herausforderung gewesen sein, besonders für den jungen Hauptdarsteller Max Hubacher. Wie haben sich die Schauspieler auf dieses besondere Setting vorbereitet und wie haben Sie mit ihnen gearbeitet?

Ich denke, vieles war durch das Drehbuch vorgegeben. Wenn Sie sich andere Filme ansehen, die von Gewalt, Brutalität und den Abgründen des Menschen handeln, bieten Ihnen viele Filme ein Schlupfloch, durch das Sie entkommen können – entweder durch Humor oder eine Figur, mit der Sie sich identifizieren können. Mein Drehbuch hatte nichts von alldem. Ich glaube, dies war allen Beteiligten beim Lesen des Drehbuchs sehr klar.



Welche Erfahrung haben die Schauspieler während des Drehs gemacht?

Max Hubacher, der Willi Herold spielt, war schockiert, als wir seinen Besuch der Baracken drehten, mit all den Gefangenen zugegen. Bernd Hölscher, der den SA-Führer Schütte spielt, war sehr betroffen, nachdem seine Figur die Gefangenen in der Grube erschießt. Wir zeigten sie nicht, aber da waren immer Menschen in der Grube, die um ihr Leben bettelten. Es war sehr schwer für ihn, an diesem Abend weiterzudrehen. Mich hat es erschüttert, als Milan Peschels Charakter in der Grube über die (unsichtbaren) Leichen laufen musste. Es hat uns alle an einem gewissen Punkt erwischt.



Haben Sie viel mit den Schauspielern geprobt?

Wir haben für mehrere Wochen intensiv geprobt. Weder die Atmosphäre des Films noch das Schauspiel ist naturalistisch. Wir mussten die Tonalität und die Absichten aufeinander abstimmen, um sicherzugehen, nicht zu weit in die eine oder andere Richtung abzuweichen. Die Schauspieler haben sehr hart an dieser Gratwanderung gearbeitet.



Es ist Ihr erster Film, den Sie in Schwarzweiß gedreht haben. Was war die Idee hinter dieser Entscheidung?

Es gibt die Anekdote, dass Martin Scorsese Testaufnahmen von WIE EIN WILDER STIER in Farbe drehte und diese Michael Powell zeigte. Der sagte – ich paraphrasiere: „Du kannst diesen Film mit all dem Blut nicht in Farbe machen. Die Menschen werden nicht in der Lage sein, an dem Blut vorbeizuschauen, an dem Rot. Du musst diesen Film in Schwarzweiß drehen!“ Dies erschien mir sehr klug, wenn man bedenkt, wie Zuschauer Gewalt im Film wahrnehmen, und ich dachte mir: Wir erzählen solch eine blutige Geschichte und es muss mir gelingen, dass das Publikum nicht komplett zumacht oder abgestoßen wird. Es war auch eine intuitive Wahl, da ich die Zeit hauptsächlich von Schwarzweißfotos kenne. Der dritte Grund war ein ästhetischer: Ich wollte dem Film eine abstrakte Qualität verleihen. Es gibt eine beabsichtigte Theatralität im Film und Schwarzweißbilder passen besser dazu.

Max Hubacher
Milan Peschel
Frederick Lau
Alexander Fehling
Bernd Hölscher
Samuel Finzi
Britta Hammelstein

Max Hubacher


MAX HUBACHER spielt den Gefreiten Willi Herold, der sich mit einer gefundenen Uniform als Hauptmann ausgibt. Der 1993 in Bern geborene Darsteller spielte in „Der Verdingbub“ und „Nachtzug nach Lissabon“. Seit 2014 studiert er Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig.

Milan Peschel


MILAN PESCHEL spielt den Gefreiten Walter Freytag, der sich dem falschen Hauptmann anschließt, aber über dessen Rigorosität zunehmend entsetzt ist. 1968 in Berlin geboren, ist Peschel den Kinozuschauern aus Komödien wie „Der Nanny“ und „Schlussmacher“, aber auch Arthousefilmen wie „Halt auf freier Strecke“ und „Das kalte Herz“ bekannt.

Frederick Lau


FREDERICK LAU spielt den hitzköpfigen Gefreiten Kipinski, der zum unkontrollierbaren Handlanger des Hauptmanns wird. Lau wurde 1989 in Berlin geboren und ist den Kinozuschauern aus Filmen wie „Victoria“, „Die Welle“, „Sein letztes Rennen“ oder „Das kalte Herz“ bekannt.

Alexander Fehling


ALEXANDER FEHLING spielt den Offizier Juncker, der Herold in der Hauptmannsuniform nicht wiedererkennt und ihn als Erfüllungsgehilfen im Lager einsetzt. 1981 in Berlin geboren, übernahm Fehling Rollen in „Inglourious Basterds“, „Goethe!“ und „Im Labyrinth des Schweigens“.

Bernd Hölscher


BERND HÖLSCHER spielt den heillos überforderten SA-Führer Schütte, der mit Herolds Ankunft im Lager seine große Chance wittert. Der deutsche Theaterschauspieler wurde 1971 in Münster geboren und spielt in „Der Hauptmann“ seine erste Kinorolle.

Samuel Finzi


SAMUEL FINZI ist der Gefangene Roger Kuckelsberg, der an einem „bunten Abend“ um sein Leben spielen muss. Der 1966 in Bulgarien geboren Finzi ist bekannt aus Filmen wie „Das Wunder von Bern“, „Kokowääh“ und „Marie Curie“.

Britta Hammelstein


BRITTA HAMMELSTEIN spielt Gerda, die Ehefrau des SA-Führers Schütte, für die das Lagerleben mit all seiner Perfidität bereits alltäglich geworden ist. Die 1981 in Friedberg geborene Schauspielerin wirkte in „Der Baader Meinhof Komplex“, „Freier Fall“ und „Ferien“ mit.

Wahre Geschichte


Die Geschichte von DER HAUPTMANN basiert in großen Teilen auf der wahren Geschichte des 19-jährigen Wehrmachtssoldaten Willi Herold, der als einfacher Soldat im April 1945 die Uniform eines ranghohen Hauptmanns fand und sich mit dem überstreifen der Kleidung in einen grausamen Despoten verwandelte.

Willi Herold wurde 1925 in Lunzenau, einer Kleinstadt in Mittelsachsen, in der Nähe von Chemnitz geboren. Nach dem Abschluss der Volksschule begann er eine Lehre als Schornsteinfeger, bevor er 1943 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Nach seiner Einberufung hatte er die Grundausbildung zum Fallschirmjäger erhalten. In Italien diente er in Nettuno und Monte Cassino bei den Bodenkämpfen. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie wurde Herold an die Westfront versetzt.

Am 3. April 1945, nur einige Wochen vor Kriegsende, wurde Herold bei Gronau an der Nordwestfront von seiner Einheit getrennt und schlug allein, erschöpft und ohne Marschbefehl den Weg gen Norden Richtung Bentheim ein. Im Inneren eines liegengebliebenen Militärfahrzeugs fand der junge Mann eine Kiste mit einer fast neuen Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe, dekoriert mit höchsten Kriegsauszeichnungen wie dem Eisernen Kreuz Erster Klasse. Herold, dem Zeitgenossen eine gewisse Schläue und Pragmatik attestierten, streifte sich die Uniform über und gab sich fortan als Hauptmann Herold aus.

Bald war ihm eine kleine Gruppe an Soldaten unterstellt, die er auf dem Weg aufgelesen hatte, darunter Walter Freytag, ein 25-jähriger Fallschirmjäger aus Probstzella in Thüringen; Siegfried Kipinski, ein etwas über 30-jähriger Fallschirmjäger aus Oberschlesien, und Feldwebel Heinz Hoffmeister, ein 40-jähriger Fallschirmjäger aus Erfurt. Gegen Ende des Krieges fanden sich Hunderte Versprengte – Männer, die ihre Einheiten verloren hatten oder unter anderen Umständen von ihrer Truppe getrennt wurden – ebenso auf den Straßen des Landes wie Deserteure.

Die Zahl der Soldaten unter Herold wurde zwischenzeitlich auf um die 80 Männer geschätzt, mit einer Kerngruppe von 12 Männern, die bis zum Ende an seiner Seite waren. Wie im Film zu sehen, konnte sich Herold bei einer Straßenkontrolle gegenüber einem anderen Offizier nicht korrekt ausweisen, aber kam allein durch sein herrisches Auftreten gegenüber dem echten Hauptmann davon. Herold merkte, dass man ihm die neue Rolle glaubte, wenn er dreist genug auftrat.

Im Emsland gab es 15 Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager, die sogenannten Emslandlager. Sie dienten den Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 als Haftstätten mit wechselnden Funktionen. Die Zentralverwaltung der Lager befand sich in Papenburg, die Leitung oblag einem gewissen Dr. Richard Thiel, Rechtsanwalt und ehemaliger Präsident im Strafvollzug. Ende 1944 bestand ungefähr die Hälfte der Insassen aus ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, denen Fahnenflucht, Befehlsverweigerung oder anderes Fehlverhalten vorgeworfen wurde. Ab 1941 wurden auch ausländische Häftlinge eingeliefert, v.a. Polen, Franzosen, Belgier und Holländer.

Anfang April 1945 wurde der Versuch unternommen, einen Teil der Gefangenen in ein vor den nahenden alliierten Truppen sichereres Lager zu bringen. Der Plan scheiterte, da die Gefangenen zu erschöpft waren, um den Fußmarsch zu bewerkstelligen. Sie wurden zurückgeschickt ins Lager II, Aschendorfermoor. Auf dem Rückweg gelang vielen die Flucht. Es häuften sich Beschwerden der Bevölkerung über Plünderung und Gewalt, die direkt nach Papenburg zu Lagerkommandant Thiel weitergeleitet wurden. Als Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Ordnung fiel Thiel das „Standgericht“ ein, eine von Hitler stammende Verordnung für „Zeiten des nationalen Notstands“. Er wollte ein schnelles, exemplarisches Verfahren – nach den gesetzlichen Vorgaben. Die örtlichen Parteidienststellen hatten ebenso einen Großteil der Klagen erhalten. Sie wollten die Ursachen für die Beschwerden schnellstens beseitigen, um der Bevölkerung ihre Macht zu demonstrieren. Zudem war es ihr Ziel, die regimefeindlichen Gefangenen nicht in die Hände der Alliierten fallen zu lassen. Auch die Gauleitung der NSDAP hatte inzwischen Wind von den Problemen bekommen und zum wiederholten Male bei der Staatsanwaltschaft ein Standgericht beantragt, was ihr jedoch verwehrt wurde. Die Partei, empört über die Verzögerungstaktik der Justiz, beschloss, in eigener Regie zu handeln.

Für die Wachmannschaften der Emslandlager geriet im Chaos der letzten Kriegstage der geregelte Berufsalltag völlig durcheinander. Gefangene aus anderen Lagern wurden ins Lager II gebracht, das ursprünglich auf 1.500 Personen ausgerichtet war und nun an die 4.000 Häftlinge beherbergte – eine für die Verwaltung kaum zu lösende Aufgabe. Erschwerend kam hinzu, dass die aufgegriffenen Gefangenen, deren Zahl sich täglich erhöhte, gesondert untergebracht werden mussten.

Am 12. April 1945, zwei Tage nach dem gescheiterten Gefangenentransport und vier Wochen vor Kriegsende, erreichten Herold und seine Männer das Lager II, das Straflager Aschendorfermoor. Die Bewachung oblag einer SA-Einheit, die durch Justizbeamte ergänzt wurde. Herold wurde nach seiner Ankunft direkt zu Karl Schütte gebracht, einem 49-jährigen Altparteigenossen und SA-Führer. Von Beruf Musiker, hatte er seit seinem Eintritt in die Partei 1931 im örtlichen SA-Musikzug gespielt. Seit Kriegsausbruch diente er in der Wacheinheit von Lager II, zu deren Führer er 1942 befördert. Schütte berichtete Herold von der Lage im Lager. Herold erklärte, die unbeschränkte Vollmacht zu besitzen und zwar vom Führer selbst, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Trotz der fehlenden schriftlichen Vollmacht, wurde ihm geglaubt.

Herold forderte, unverzüglich in die Arrestbaracke gebracht zu werden, um sich ein eigenes Bild von der chaotischen Situation zu machen. Dazu musste er auf Anordnung des Lagervorstehers Friedrich Hansen, einem 66-jährigen Justizbeamten, von einem Lagerbeauftragten begleitet werden, wozu sich Schütte bereiterklärte. Nachdem er sich einen überblick verschafft hatte, begann Herold, Gefangene nach draußen bringen und befragen zu lassen. Sobald einer zugegeben hatte, einen Zivilisten bestohlen oder bedroht zu haben, sagte er zu Freytag: „Gleichschalten“, worauf Freytag den Delinquenten hinter die Baracke führte und mit einer Maschinenpistole erschoss. Schütte ließ die Häftlinge anweisen, eine 7 Meter lange, 2 Meter breite und 1,80 Meter tiefe Grube auszuheben.

Als Hansen davon erfuhr, informierte er per Telefon seinen Vorgesetzten Dr. Reinhard Thiel in Papenburg, der Herold aufforderte, ihm persönlich vorstellig zu werden. Herold fuhr in Begleitung von Freytag und Schütte zu ihm. Da Thiel in Berlin niemanden erreichen konnte, hielt er Rücksprache mit der Gestapo in Emden und stattete daraufhin Herold mit der nötigen Vollmacht aus, anstelle eines Standgerichtes zu handeln. Zurück im Lager akzeptierte Hansen den Sachverhalt, ließ sich aber von Herold zur Sicherheit ein Protokoll unterschreiben.

Gegen 18 Uhr am Abend des 12. April war die Grube ausgehoben. Kurz darauf mussten sich die Häftlinge in Gruppen am Rande der Grube aufstellen und wurden von Herolds Leuten und den Lagerwachen mit einem Flakgeschütz, Gewehren und Handgranaten getötet. Bis zum Ende der Nacht waren 98 gefangene Soldaten umgebracht worden.

Ein Zeuge des Massakers, Hans Dahler-Kaufmann – ein ehemaliger Offizier, der eine Haftstrafe in Lager VII abgesessen hatte, bevor er dem Volkssturm überstellt wurde – ging zu Herold und wies ihn darauf hin, dass dieses Verfahren in keiner Weise den geltenden Vorschriften entspräche und als Mord zu bezeichnen wäre. Herold erwiderte, er hätte Befehl vom Standgericht, diese Leute zu erschießen. Dahler-Kaufmann sollte später im Prozess gegen Herold einer der Hauptzeugen sein.

Am nächsten Tag entsandte Schütte einen neuen Suchtrupp, der nach Flüchtigen fahnden sollte. Die Gruppe Herold lungerte derweil im Lager herum und erschoss die von den Suchtrupps aufgegriffenen Flüchtigen. Im Lauf des Vormittags wurden so etwa 15 Menschen getötet. Herold erfuhr, dass es unter den Inhaftierten eine Handvoll Bühnenkünstler gab. Er ordnete einen Unterhaltungsabend an. Mit der Organisation beauftragte er einen ehemaligen Kabarettisten und Regisseur, Heinz „Roger“ Kuckelsberg-Alexander. Während des bunten Abends bemerkten Herold und seine Soldaten, dass sie mit den Inhaftierten einige Gemeinsamkeiten teilten und Herold beschloss, einzelne von ihnen in seine Truppe aufzunehmen.

In den folgenden Tagen kam es zu weiteren willkürlichen Erschießungen innerhalb und außerhalb des Lagers. Inhaftierte, die in irgendeiner Form Anstoß erregten. Gefangene aus Sachsen und Thüringen, die als „Schandflecke“ Herolds bzw. Freytags Heimat erachtet wurden. Herolds Leute streiften umher und taten, was sie wollten. Herold betrank sich derweil sinnlos mit Rotwein, den er mit Zucker versetzte. Außerdem schickte er Suchtrupps von Wachleuten aus, die Gegend nach geflohenen Häftlingen zu durchkämmen. Die Aufgefundenen wurden gezwungen, ihre eigenen Gräber im Wald zu schaufeln.

Während das Ordnungsgefüge in Lager II zerfiel, befand sich Lagerleiter Hansen in einer schwierigen Lage. Er fuhr zwei Mal nach Papenburg, um sich von Thiel Unterstützung zu holen. Dieser schickte seinen Stellvertreter, Dr. Ewald Ottinger, ins Lager. Doch Ottinger verließ das Lager nach kurzer Zeit, nachdem ihm Herold versprochen hatte, mit seiner Truppe den Stacheldrahtbereich zu verlassen. Thiel behauptete später, im 5 km entfernten Papenburg von den Ereignissen isoliert gewesen zu sein.

Am 19. April 1945 bombardierten die Alliierten die Baracken und zerstörten das Lager. Herold und einige überlebende Männer zogen weiter nach Aschendorf. Einen Mann, der eine weiße Fahne gehisst hatte, erhängten sie. Am 21. April setzte sich die Gruppe von der schnell näher kommenden Front nach Leer ab, wo Herold eine Unterkunft im Hotel Oranien bezog. Mit Herold zog eine Holländerin namens Betty ein, die für sein Wohl sorgte oder zu sorgen hatte. Die Gruppe schlief größtenteils tagsüber, um die Nächte bis zum Morgengrauen durchzuzechen und Beutezüge durch die Stadt zu unternehmen. Im Polizeirevier von Leer sprach Herold mehrmals vor und bot „Problemlösungen“ für Inhaftierte an. So ließ er u.a. fünf Holländer unter Spionageverdacht nach einem kurzen Scheinprozess hinrichten.

Am 28. April wurden Herold und seine Männer schließlich verhaftet und von der Gestapo verhört. Während der Zeit im Gefängnis erreichte die Rote Armee Berlin und Hitler beging Selbstmord. Der für die Gerichtsbarkeit zuständige Marineoffizier Horst Frank entließ Herolds Anhänger mit der Begründung, dass sie lediglich den Befehlen eines vermeintlich höheren Offiziers gehorcht hätten. Am 3. Mai 1945, wenige Tage vor der Kapitulation, erschien Herold vor einem Kriegsgericht. Herold gestand seine Taten, das Militärgericht sprach ihn allerdings bedingt frei. Schließlich hatte er der Wehrmacht keinen Schaden zugefügt und entscheidungsstarke Männer wurden an der Front gebraucht. Herold wurde in ein Sturmbataillon in Friedeburg gebracht – von wo er bei der ersten sich bietenden Gelegenheit nach Wilhelmshaven floh und untertauchte. Dort übte er mit gefälschten Papieren seinen gelernten Beruf des Schornsteinfegers aus. Am 23. Mai 1945 wurde er jedoch von einem britischen Marinesoldaten festgenommen, als Herold ein Laib Brot stehlen wollte. Als sich herausstellte, welcher Kriegsverbrechen er sich schuldig gemacht hatte, wurde ihm der Prozess gemacht.

Im September 1945 wurde Major T.X.H. Pantcheff von der britischen Militärjustiz mit der Aufklärung einiger deutscher Kriegsverbrechen beauftragt. Oberste Priorität hatte dabei die bereits gerüchteweise bekannte Geschichte von Willi Herold. Pantcheff startete breite Untersuchungen, Recherchen und Zeugenbefragungen. Schließlich befragte Pantcheff auch Herold selbst. Er berichtete von einem wachen Zwanzigjährigen, der forsch den Raum betrat und respektvoll die Hacken zusammenschlug. Herold stellte ausführlich und detailliert seine Taten dar, wobei er jede Frage bereitwillig beantwortete.

Im August 1946 begann in Oldenburg der Prozess gegen Herold und 13 weitere Angeklagte, darunter auch Karl Schütte. Sie wurden für die Ermordung von 125 Menschen verantwortlich gemacht. Am 14. November 1946 wurde Herold zusammen mit 6 seiner Komplizen hingerichtet. Er war 21 Jahre alt.

Später erlangte Willi Herold als „Der Henker vom Emsland“ traurige Bekanntheit.

T.X.H. Pantcheff verfasste 1993 ein Buch über die Geschichte von Willi Herold mit dem Titel „Der Henker vom Emsland. Willi Herold, 19 Jahre. Ein deutsches Lehrstück“. 1995 erschien der Nachdruck „Der Henker vom Emsland: Dokumentationen einer Barbarei am Ende des Krieges 1945“.